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Stellen Sie sich vor, Sie säßen in einem Zimmer...
...das Zimmer ist nicht besonders freundlich eingerichtet, vielmehr ist es
recht klein und kahl, es gibt nur eine Matratze mit dünner Decke, eine
Ecke mit einem Tisch und einem Stuhl und eine andere Ecke, in der Sie
ihre Notdurft verrichten können. Ein Fenster gibt es auch, aber es führt
nicht nach Draußen, Sie können weder frische Luft bekommen, noch sehen
Sie grüne Wiesen oder Bäume.
Der Himmel wird Ihnen immer fremder, genauso die Erinnerung, wie es einmal war, als Sie mit
anderen – vielleicht mit Ihren Freunden und Geschwistern - zusammen
gesessen, geredet und gespielt haben.
Sie hocken da und warten... Sie wissen eigentlich selbst nicht so genau, worauf Sie
warten, denn Ihre Erinnerung an die anderen Zeiten werden getrübter und
Sie haben aufgegeben, alles erkunden zu wollen. Denn in Ihrem kleinen
Zimmer gibt es nichts mehr zu erkunden. Sie kennen jede Ecke, Sie
wissen, wo die Mauer Risse aufzeigt, dass der Tisch eine Einkerbung an
der Stelle hat, an der Sie manchmal sitzen und der Stuhl kippelt, weil
an dem hinteren rechten Stuhlbein eine kleine Ecke herausgesprungen ist
und Sie wissen ebenso, dass das Fenster nicht nach Draußen zeigt...
Ein oder zwei Mal am Tag öffnet sich die Tür und Sie bekommen Wasser zu trinken und etwas zu
essen. Es dauert nicht lange und Sie wissen, dass es Schwarzbrot mit
Käse ist, an manchen Tagen gibt es auch mal einen Salat dazu...
Eines Tages öffnet sich die Tür und Sie bekommen einen Freund dazu. Sie freuen sich, nicht
mehr alleine sein zu müssen und endlich jemanden zum Reden zu haben.
Doch ein größeres Zimmer bekommen Sie nicht, ebenso ändert sich nichts an der kahlen
Einrichtung. Aber die Freude darüber, endlich wieder mit jemandem
zusammen zu sein, lässt Sie darüber hinwegsehen, dass das Bett nun noch
kleiner ist, die Decke oft nicht ausreicht (aber Sie können sich immer
noch an dem anderen Körper wärmen) und die Ecke der Notdurft oft ein
wenig stinkig wird... Sie unterhalten sich, kuscheln zusammen und zeigen
Ihrem neuen Freund alle Gegebenheiten.
Schnell ist alles durchgesprochen und der Unterhaltungswert weg, denn es kommt ja auch
nichts neues von Außen. Aber immerhin können Sie nun zusammen mit einem
anderen das Schicksal teilen...
Sie hocken da und warten... Können Sie sich vorstellen, wie lang eine Stunde, ein Tag oder
gar ein ganzes Jahr werden können? So ohne Reize, ohne was Neues zu
entdecken, das frische Grün zu sehen, den Regen zu spüren, den Wind, die Luft...?
Sie spüren, dass um Sie herum noch etwas ist, denn Sie hören Geräusche, doch all Ihre
Verrenkungen und Rufe aus dem Fenster bringen nichts, Sie können nicht
wirklich etwas sehen. Manchmal wird es laut und weil Sie nicht sehen
können, warum es auf einmal so eine Aufregung gibt, werden Sie unsicher,
versuchen sich zusammen mit Ihrem Kumpel unter der Decke zu verstecken.
Manchmal kommt dennoch eine riesige Hand und grabscht nach Ihnen, Sie können sich nicht
wehren...
Die Erinnerungen an die anderen Zeiten, die besseren, werden immer schwächer und Sie fristen
ein Dasein, wo die immer wiederkehrende Routine des Schwarzbrotes ein
Highlight wird. Sie gewöhnen sich an Ihre Einöde und alles, was anders
läuft macht Ihnen auf einmal Angst, denn Sie kennen es nicht mehr
anders, als Stunde um Stunde in diesem Zimmer zu hocken, immer und immer
wieder die Risse in der Wand zu zählen und die Ecke Ihrer Notdurft in
der Nase zu haben...
Wäre das ein Leben,
welches Sie sich wünschen? Würden Sie so etwas jemandem antun wollen,
der Ihnen oder jemand anderem nichts getan hat?
Und doch spielt es
sich jeden Tag aufs neue in vielen, vielen Haushalten ab... Nur, dass es
sich hier nicht um Sie dreht (wir tauschen das Schwarzbrot mit Käse
gegen Körnerfutter und Heu), sondern um all die Nagetiere, die ja so
niedlich sind, aber schlussendlich ihr Leben in einem der Käfige
verbringen müssen.
Seien es Meerschweinchen, Kaninchen, Ratten oder gar Chinchillas: sie sind schön,
sie sind weich, sie sprechen uns an und sie zu beobachten kann
unheimlichen Spaß machen. Vielleicht wünschen Sie sich ein Tier, ein
Stück Natur in Ihrer Wohnung und einen Hund oder eine Katze zu halten
kommt für Sie nicht in Frage. Was also liegt da näher, sich eines dieser
Tiere anzunehmen, um etwas zu haben, was Sie streicheln und anfassen
können, mit dem Sie sich unterhalten können?
Wenn Sie vor so einem Käfig stehen, haben Sie sich mal überlegt, woher diese Tiere kommen, was
für einen eigentlichen Lebensraum sie haben?
Die Zeiten, in denen mein Herz aufgeht, wenn mich ein Meerschweinchen aus seinem Käfig heraus
anquiekt oder eine Ratte sich erwartungsvoll an die Gitterstäbe hängt,
sind längst vorbei, denn vielmehr ist mir zum Heulen zumute bei dem
Gedanken daran, dass diese cleveren Tiere in ihren Käfigen hocken und
nach Aufmerksamkeit lechzten. Mein Herz würde dann aufgehen, wenn diese
Tiere zusammen mit anderen auf einem Abendteuerspielplatz leben würden,
in einem großen Freigehege mit vielen anderen Kumpels, die Menschen
nicht die Wichtigkeit haben, weil sie Sozialkontakte und Unterhaltung
haben und sein dürften, was sie sind: ein Meerschwein, eine Ratte!
Natürlich gibt es auch Menschen, die sich diesen Tieren annehmen und sich aufopfernd kümmern.
Sie versuchen die Natur so gut wie möglich nachzuempfinden und ihren
Nagern geht es gut, denn sie bekommen genau das, was sie brauchen. Sie
sind unheimlich liebevoll und geistreich, was die Ausstattung ihres
Zuhauses angeht und wenn sie nicht im Freigehege leben können, so haben
sie dennoch eine Wohnlandschaft, in der es sich zu leben lohnt, weil es
abwechslungsreich, spannend und schön ist und der eigentliche Käfig in
den Hintergrund tritt. Es hat nicht diesen Gefängnischarakter und
Kumpels sind auch da.
Aber wenn wir mal
ehrlich zu uns selbst sind, so ist dieses doch eher die Ausnahme und
immer wieder muss ich die Erfahrung machen, wie diese cleveren Tiere in
Käfigen vor sich hinvegetieren, in Kinderzimmern stehen und vergessen
werden, abstumpfen und schließlich eingehen.
Puschkin & Mick ...
... waren zwei Meerschweinchen, die bei uns lebten und ein Beispiel dafür, wie es NICHT
sein sollte. Durch sie habe ich gelernt, wie schnell sie zu seelischen
Krüppel werden können und je mehr ich mich mit ihnen auseinander setzte,
desto mehr beschlich mich das schlechte Gewissen.
Puschkin & Mick wurden damals angeschafft, weil man eine Annonce gelesen hatte, in der es hieß,
dass Meerschweinchen abzugeben seien und da es ja so nett war, welche zu
haben, ist man losgezogen und hat die Beiden bei sich aufgenommen. Zwar
besorgte man zumindest einen etwas größeren Käfig, als den
handelsüblichen, aber als ich die beiden Schweine das erste mal sah,
hockten sie in eben diesem Käfig, der in einem kleinen, dunklen Flur
stand, unmittelbar an der Wohnungstür, so dass sie jedes mal einen
Schock bekamen, wenn die Tür aufging und es zog. Wenigstens hatten sie
ein kleines Häuschen drin....
Eine ganze Weile später (ich hatte gar nicht mehr daran gedacht) klingelte es an meiner
Haustür und mit dem Satz: „Hier, die fandest du doch so niedlich!“ zogen
plötzlich zwei Schweine bei mir ein. Man hatte keinen Bock mehr auf
sie.... Ich fand die Vorstellung gruselig, dass sie nur in diesem kahlen
Käfig leben sollten und versuchte, nach und nach das Heim neu
einzurichten, es spannender zu machen. Doch all meine Bemühungen
schlugen fehl, denn alles Neue versetzte die Beiden nur in Angst und
nichts, aber auch gar nichts wurde angenommen. Alle angewandten Tricks
und selbst einfachste Spiel- und Entdeckungsmöglichkeiten wurden von den
Beiden entweder ignoriert oder eben mit „tot stellen“ beantwortet.
Einmal setzte ich eines der Schweinchen auf die Rampe, damit es
vielleicht so wenigstens runter geht, denn ich hatte die Hoffnung, dass
wenn es runter geht, es auch später rauf gehen würde, weil ich
verschiedene Ebenen bieten wollte. Nachdem es sich Stunde um Stunde tot
stellte und nichts tat, außer Angst zu zeigen, hob ich es wieder runter
und musste feststellen, dass die Beiden zu armen Krüppeln gemacht
wurden. Meine Versuche ihnen Freilauf zu bieten, schlugen ebenso fehl,
denn sobald sie außerhalb des Käfigs waren, rannten sie entweder in
meine Kniekehlen und verharrten dort oder sie schlüpften in die nächste
Ecke und hockten dort – Stunde um Stunde. Ich konnte ihnen keinen
Gefallen damit tun, so sehr ich es auch versuchte, so geduldig und
liebevoll ich mich auch zeigte. Irgendwann musste ich einfach einsehen,
dass sie sich in ihrem kahlen Zuhause am entspanntesten zeigten, was mir
jedes mal aufs Neue einen Stich versetzte. Ich versuchte das Beste draus
für die beiden Schweine zu machen und sie konnten an unserem Leben
teilhaben, ohne in Angst oder Panik ausbrechen zu müssen, sie bekamen
Ansprache ohne sie zu stressen...
Puschkin ist mit ca. 7 Jahren 2004 über die Regenbogenbrücke gegangen, Mick 2005 im Alter von
ca. 6 Jahren. Sie sind jetzt endlich wieder frei und können ohne Angst
und Gitterstäbe spielen und entdecken.....
Und eines wurde für mich immer klarer, bis es wie jetzt zu einem Grundsatz
für mich wurde: nie wieder Käfighaltung!
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